Ich glaube, es ist ein Mythos, dass jeder professionelle Künstler jedes Mal ein Meisterwerk erschafft, wenn er den Pinsel in die Hand nimmt. Viele schaffen das zwar, aber es gibt auch viele Künstler, die gerne mit Techniken experimentieren oder mit ihren Ergebnissen nicht ganz zufrieden sind und deshalb ein Bild verwerfen, um ein neues zu beginnen. Doch keine Zeit beim Malen ist verschwendet. Durch wiederholtes Malen verinnerlichen wir gute Malgewohnheiten. Die Fehler, die wir machen, verbessern unsere Arbeit. Ohne misslungene Bilder würden wir auf der Stelle treten und auf unserem künstlerischen Weg womöglich nicht vorankommen. Es sei denn natürlich, wir haben das Niveau erreicht, das wir uns ursprünglich als Künstler vorgenommen hatten. Dann ist es wunderbar, den Erfolg zu genießen. Aber nicht jeder hat das Glück oder die Freude, sein Ziel erreicht zu haben.
Ich genieße es, ständig dazuzulernen und mich mit jedem Pinselstrich weiterzuentwickeln, auch wenn ich Fehler mache, aus denen ich aber immer noch lerne. Der lustigste Fehler, der mir kürzlich unterlaufen ist, hatte nichts mit Malen zu tun. Schwäne besuchen unseren Garten täglich und scheinen hier fast zu leben. Ich kann einfach nicht anders, ich gebe allen Tieren, die unseren Garten bewohnen, einen Namen. Wir haben den Reiher Hector, die Russellkrähe und viele andere tägliche Besucher. Doch diesen Frühling kam ein junger Schwan hinzu, den ich Sebastian nannte. Er begleitete Sydney, unseren Stammgast, aber Sydney schien anfangs nicht sehr glücklich über den zusätzlichen Gast und zeigte oft seine Missbilligung. Dachte ich zumindest. Dann wandelte sich Sydneys Aggression in ein Balzverhalten, und mir wurde schnell klar, dass Sebastian einen neuen Namen brauchte. Daher der Titel ”Sabrina” für die obige Aquarellstudie des Schwans.
Während ich mein Atelier auf Vordermann brachte, beobachtete ich die beiden Schwäne, die draußen über das Wasser glitten. Sie sahen so majestätisch aus, und Sabrina schien zu lächeln. Ich bin mir sogar sicher, dass sie mir zugezwinkert hat. Aber vielleicht ist das auch nur meine Einbildung. Wie dem auch sei, sie lenkte mich wunderbar vom Aufhängen der Bilder und dem Aufräumen ab. Morgen kann ich mein Atelier betreten und mich ganz dem Malen widmen. Und Sabrina, die ich zwischendurch gemalt habe, wird mich begrüßen und mir zulächeln. Was für ein schöner Start in den Tag!





